Vorläufig unterwegs sein

Sie möchte die Gegenwart so intensiv, so atmosphärisch wie nur irgend möglich zum Vorschein zu bringen. Sibylle Prange hat deshalb das Unterwegssein und das Durchschauen politischer Prozesse in der Welt zu einer Kunst hoher Potenz entwickelt. Und ebenso: die Fähigkeit, davon in Bildern zu erzählen und malerische Entsprechungen für das Erlebte zu finden. Also muss sie auf Reisen sein. Das Unterwegssein ist einer ihrer Seins-Zustände. Der Modus vieler ihrer Bilder ist das Passagere. Es erlaubte ihr eine Art Frei-Sein von sich selbst und dies wiederum die rückhaltlose Vertiefung in die Landschaften und das Unerwartete um sie herum – also, das wahrzunehmen, was vom Anderen kommt. In ihrem nomadischen Zustand schaut Sibylle Prange anders, auf das Ungewöhnliche, auf die Differenz.
Wegen der Verschärfung der allgemeinen Bedrohungslage spricht viel gegen das Reisen. Allerdings: nur, wenn wir in die Fremde aufbrechen, erkennen wir uns selbst.

 

Sibylle Prange liebt das Meer, die Wüste, die Weite, wo Verlorenheit das Melancholische berührt. Anregungen erfährt sie durch konkrete Landschaften. Sie hat Marokko bereist, Israel, Syrien und Jordanien. Zielgerichtet steuert sie Gegenden an, die sie „gebrochene Locations“ nennt. Es sind nicht die touristische Landschaften der Reiseprospekte, sondern eher Orte, die durch das gekennzeichnet werden, was übrig bleibt, wenn der Mensch weg ist. Folgerichtig sind die meisten ihrer Bilder figurenlos. Schönheit wächst damit insbesondere dem Übersehenen und Unansehnlichen zu, dem, über das die Zeit hinweggegangen ist. Sibylle Pranges Art der Spurensicherung ist der Ausdruck von etwas Sinnlichem, gerade wenn man ihre aktuellen Bilder im Vergleich mit früheren Werken sieht.

 

Sibylle Prange hat als Zeichnerin begonnen und die Zeichnung (mit malerischen Elementen) behauptet bis heute ihren festen Platz im Oeuvre der Künstlerin. Als Malerin rückte sie bis 2002 vorwiegend Köpfe und Figuren ins Bild, erzeugte zuweilen massive Figurenballungen und setzte ganz auf Inhaltsmalerei. Nach 2008 kam es zu einer notwendigen Klärung, die Schritt für Schritt die Landschaft und das Interesse an der Farbe in den Vordergrund treten ließen. Aktuell hat sie in einigen Bildern das Spektrum der Farbtöne geändert und ist dazu übergegangen, die Farbe zu spachteln. Mit einem vitalen Impuls, der der Eigengesetzlichkeit des Bildes folgt, die sich dennoch speist aus der Welt jenseits des Bildes. Nun herrscht in Konstellationen zwischen Taubenblau und Braun oder Graublau und Grün ein erhöhtes Maß an Gestaltungsenergie.

 

Zu reisen verlangt die Bereitschaft, sich einem Risiko auszusetzen, und Sibylle Prange tut es, weil Fremdheit zwar bedrohlich und nichtsdestotrotz gleichzeitig verlockend ist.
Ihre Bilder sind freie Kompositionen, weder nach Erinnerungsfotos gemalt noch in Bezug auf konkrete Ereigniszonen entstanden. Sie sind zuerst Malerei und genügen sich selbst. Aber sie lassen subkutan viel von dem anklingen, was es bedeutet, die eigene Angst zu bezwingen und das Bedürfnis nach vertrauter Umgebung zu suspendieren. Mit ihren Bildern vermögen wir einen Gewinn zu genießen, den wir uns vom Reisen erhoffen. In kognitive Verwirrung zu geraten wird Teil der Erfahrung werden.
Pranges Bilder sind dann am besten, wenn sie ganz aus der Farbe leben. Denn Fremdheit ist keine Eigenschaft einer Person oder eines Ortes. Sie spiegelt die Empfindung von Distanz zwischen dem eigenen und dem anderen, dem Vertrauten und dem Neuen, welche von der Künstlerin als physisch gewichtete Zeichen in Flächenverhältnissen artikuliert wird. Was wir als Gegenstände interpretieren können, sind Markierungen, die Anklänge an die Wirklichkeit vermitteln, aber genau so gut offene Konstruktionen sind, die lediglich Flächen und Raum gliedern. Sybille Prange teilt unter einem unglaublich ausladenden Himmel-Verlangen sehr persönliche Erfahrungen und subjektive Empfindungen mit, freilich nicht als Bilderzählung, sondern in einer Substanz, die den Anschein erweckt, aus dem Leinwanduntergrund herauszusickern (obwohl sie doch im Malprozess aufgetragen wurde) und mal mehr, mal weniger figurative Klarheit aufweist.


Jedes ihrer Bilder scheint etwas Vorläufiges zu haben. Da die Künstlerin seriell arbeitet verwundert es nicht, dass die Serien-Elemente immer auch ein Arbeiten an der malerischen Sprachform sind, sich innerhalb der Serie gegenseitig ergänzen und somit die Serie als Ganzes konzeptionell erweitern.

CHRISTOPH TANNERT, September 2016



Provisional Itinerancy

She wants to show the present as intensely, as atmospherically as possible. To this avail, Sibylle Prange has turned travelling and seeing through global political processes into a highly potent art form. This implies the ability to turn her itinerancy into images and find painterly equivalents for what she experiences. It also means that she must constantly travel. Itinerancy is one of her natural states of being, transience the essence of many of her paintings. This allows her to gain a kind of freedom from herself and, in turn, to concentrate unreservedly on the landscape and the unexpected events around her, that is, to perceive what emanates from others. In this nomadic state, Prange looks differently, looks at unusual things, looks at difference itself.

 

In times of worsening global threats, much speaks against travelling. But it is only by exploring the unknown that we can we know ourselves. Prange loves the sea and the desert, vast spaces where forlornness resonates with melancholy. She is inspired by concrete landscapes. She has travelled through Morocco, Israel, Syria and Jordan. She purposefully targets what she calls ‘broken locations’. These are not the tourist spots from travel brochures, but places marked by what is left when people have left. Not surprisingly, most of her paintings are devoid of human presence. Beauty is therefore altogether devolved to the overlooked and the unsightly – that which bears the traces of time. Prange’s forensic investigations are the expression of something sensual, even more so in her recent paintings than in her earlier works.

 

Prange started out as a graphic artist, and to this day, drawing (with painterly elements) holds a firm place in her work. Up until 2004 her work as a painter focussed on heads and bodies, sometimes resulting in massive crowds of figures, and revolved around content painting. After 2006 she felt a need for clarification, which resulted in landscapes and her interest in colour slowly coming to the fore. In several recent works she has changed her colour spectrum and started to partly apply the paint with a palette knife – with a vital impulse that obeys the autonomous laws of the painting, yet still draws on the world beyond the picture. Today, the constellations in her paintings, from pigeon blue to brown, or gray blue to green, are dominated by a heightened level of creative energy.

 

Travelling requires a willingness to expose oneself to risk; Prange accepts this risk because foreignness, while threatening, is also fascinating. Her paintings are free compositions, neither painted after souvenir photographs nor created with respect to specific event zones. They are first and foremost self-sufficient paintings. But beneath the surface, they betray much of what it means to overcome one’s own fear and suspend the need for a familiar environment. With Prange’s paintings, we are able to enjoy the profit that we usually associate with travel. Falling prey to cognitive confusion will be part of the experience.
Prange’s paintings are at their best when they rely entirely on colour. Because foreignness is not a property of a person or a place. It reflects the sense of distance between oneself and the other, between the familiar and the new, which the artist articulates as physically weighted marks in spatial relationships. What we can interpret as objects are markings that convey echoes of reality, but they are also open structures that merely organise surface and depth. Prange, under the guise of a sweeping desire for boundless skies, shares very personal experiences and subjective feelings – not as a pictorial narrative, but in a substance that seems to be seeping out of the canvas (despite the fact that it was applied in the process of painting) and that is characterised by sometimes more, sometimes less figurative clarity.

 

Each of Prange’s paintings seems provisional. As she works in series, it is no surprise that the individual constituents of each series are also a means to develop a pictorial vocabulary, that they complement each other within the series, and thus conceptually expand the series as a whole.


CHRISTOPH TANNERT, September 2016